Japanische Experten informierten sich über Kanalinstandhaltung
Bildungsreise im deutschen Untergrund
Einen „Crash-Kurs“ in deutscher Kanal-Instandhaltung absolvierten Anfang November vier japanische Abwasser-Experten aus Tokyo und Osaka. Zwei Wochen lang besuchten sie deutsche Kommunen und Fachkollegen, um sich einen Überblick über den Stand der Technik zu verschaffen.
Erinnerungsfoto anlässlich eines Güteschutz-Prüftermins auf dem Betriebshof der Stadtentwässerung Bamberg.
Von Deutschland lernen? Wenn es um Technik und Management der Stadtentwässerung, speziell der Kanal-Instandhaltung geht, kann man das ganz offensichtlich. Das belegt zumindest der Deutschlandbesuch von vier japanischen Abwasserexperten in den ersten beiden Novemberwochen. Die Herren Takeshi Miyao, Osamu Igawa, Masakage Nishiwaki und ihre Kollegin Kaori Takamiya kamen als Vertreter japanischer Kanaldienstleister, Technologieanbieter und Forschungsinstitute nach Deutschland , um sich „live“ vor Ort einen Eindruck über drängende Probleme und aktuelle Lösungen in deutschen Kanalnetzen zu verschaffen. Zwei Wochen lang bereisten sie kommunale Entwässerungsbetriebe in Hannover, Ludwigshafen, Bamberg und Solingen, sprachen mit Herstellern über neueste Entwicklungen und diskutierten mit Fachleuten aktuelle rechtliche und organisatorische Trends. In Dresden informierte man sich zudem über schulische Bildungsaktivitäten in Sachen Stadtentwässerung.
Nicht nur die Technik interessierte
„Reiseleiter“ Takeshi Miyao, der dank 25 Jahren Deutschland-Erfahrung fließend deutsch spricht und für reibungslose Verständigung mit den deutschen Fachkollegen sorgte, fasste die Eindrücke seiner Kollegen prägnant zusammen: Derzeit sei Deutschland Japan noch in praktisch allen Belangen voraus, angefangen beim Kanalanschlussgrad, der in Japan momentan erst bei 73 % der Bevölkerung liege. Hier sei Deutschland offenbar 30 Jahre weiter. Daran gemessen, erwarte man, dass heutige deutsche Probleme morgen die von Japan seien; dementsprechend könnten deutsche Problemlösungen künftig in Japan höchstwahrscheinlich äußerst relevant werden. Das gilt nicht nur für Technologie, die man hier studierte, wie in-situ-Radargeräte zur Hohlraum-Ortung in der Leitungstrasse, die man in Ludwigshafen erlebte, den Hannoveraner „Iltis“ zur Reinigung von Großprofilkanälen oder die Solinger Panoramo-Kamera, sondern betrifft nicht zuletzt den organisatorischen Überbau, angefangen bei Rechtsgrundlagen und Finanzierungsmodellen.
Von Dichte und Systematik des deutschen Rechts rund um die Kanalinstandhaltung zeigte man sich besonders beeindruckt, insbesondere darüber dass auch die privaten Bereiche zunehmend konsequent einbezogen werden. Für japanische Verhältnisse ungewohnt, aber angesichts des Erfolges durchaus bedenkenswert, erschien auch die deutsche Finanzierung der Abwasser-Investitionen über Gebühren und Abgaben.
Anlass zur Nachdenklichkeit sei auch gewesen, dass der Pro-Kopf-Wasserverbrauch in Japan mit 250 Litern derzeit mehr als doppelt so hoch liege wie in Deutschland. In Japan habe man nach wie vor die Vorstellung, dass man diese Wasserverbräuche zum Spülen der Kanalisation unbedingt benötige. Man müsse möglicher Weise überlegen, ob es vielleicht sinnvoll sei, Kanäle -wie in Deutschland der Fall- lieber öfter und planmäßig zu reinigen, als ständig einen viel zu hohen Grundverbrauch an Wasser zu tolerieren.
14 Tage lang auf Bildungsurlaub in deutschen Kanalnetzen: Von links nach rechts: Masakage Nishiwaki (Kantool Co., Osaka), Kaori Takamiya (Kanro Soken, Tokyo), Osamu Igawa (Kansei Pipe Co., Tokyo) und Takeshi Miyao (Kantool Co., Tokyo)
Schwerpunkt Qualitätsmangement
Besonders am Herzen lag den japanischen Gästen das deutsche Qualitätsmanagement rund ums Kanalnetz. So nutzte man einen Besuch bei der Stadtentwässerung Bamberg, um das Wirken der Gütegemeinschaft Güteschutz Kanalbau anlässlich eines realen Prüftermins hautnah zu erleben: Der Entsorgungs- und Baubetrieb der Stadt Bamberg gehört zu den wenigen kommunalen Einrichtungen, die als Dienstleister selbst über die einschlägigen Gütezeichen für Reinigung und Inspektion von Abwasserkanälen verfügen und dem entsprechend von der Gütegemeinschaft regelmäßig überwacht werden. Ein weiteres Highlight des Bamberg-Besuchs war die Präsentation des mutmaßlich ältesten Kanalkatasters überhaupt. Schon seit 1803 existiert ein umfassender Stadtplan, der die damaligen, bereits erstaunlich umfangreichen Kanalbauwerke samt aller zugehörigen „Schlünde“ (…die Straßenabläufe!) enthält – ein weltweit einmaliges Kartenwerk. Auch bei der Verwendung neuzeitlicher Kanalkataster hatte Bamberg die Nase dann wieder sehr weit vorn; die derzeit verwendete Kataster-Software ist ein System der ersten Stunde und – natürlich einschließlich zwischenzeitlicher Updates- bereits seit über 20 Jahren zur Verwaltung der Bamberger Netze in Betrieb.
Vom Hauptkanal bis zur Grundleitung
Den kompletten Workflow modernsten EDV-gestützten Inspektions- und Sanierungsmanagements bekamen die Experten aus Tokio und Osaka ein paar Tage später bei den Entsorgungsbetrieben Solingen zu sehen. Hier umfasste die Präsentation einerseits den strategischen Einsatz analoger und digitaler Kameratechnik; im Fokus stand aber die Strategie, mit der die erfassten Zustandsdaten aufgearbeitet und Kanäle zu Handlungsprioritäten klassifiziert werden. Der Repräsentant eines in Solingen tätigen Sanierungsdienstleisters stellte anschließend den Einsatz der Schlauchlining-Technologie in der Klingenstadt vor. Und schon war man wieder beim Thema Qualitätssicherung. Beachtung fand einerseits die Solinger Strategie, nur Sanierer zuzulassen, die Schlauchliner auch selbst herstellen. In dieser Konstellation, könne sich nämlich, wie Manfred Müller (Teilbetriebsleiter „Kanalbetrieb“ der Entsorgungsbetriebe) feststellte, keiner hinter dem anderen verstecken, wenn es auf der Baustelle Probleme gebe. Großes japanisches Interesse fand auch der Einsatz der DSC-Analytik zur Qualitätskontrolle von Schlauchlinern in Solingen, und zwar insbesondere als Element der Qualitätssicherung in der Sanierung von Grundstücksentwässerungsleitungen. Die Gäste zeigten sich beeindruckt von dem konsequenten, vom Hauptkanal bis zur Grundleitung reichenden Management des Abwassernetzes.
Nach Ihren Eindrücken, befragt, zeigten sich die japanischen Kanalfachleute vor allem von der Freundlichkeit und Auskunftsbereitschaft Ihrer Gastgeber beeindruckt. Sie haben auch schon eine to-see-Liste für eine künftige Deutschland-Rundreise in Sachen Abwasserkanal. Über die Möglichkeiten und Erfahrungen der Wartung von Großprofilkanälen unter Betriebsbedingungen wüsste man gern noch etwas mehr, da dies in Japan ein zunehmend drängendes Problem ist. Ebenfalls groß im Kommen ist – wie hierzulande - die Frage des Umgangs mit Starkregenfällen. Insoweit werden auf einem künftigen Reiseplan in jedem Falle auch Projekte eines modernen Niederschlags-Managements stehen.